Vergessen  
16.8.22, 09:16
Geposted von Kerstin Seidel

VERGESSEN



Im Zenit der Sonne ist der Strand
eine Wüste: Ort
für die Fugen aus Farben und Licht,
in denen wir Staubkörner

tanzen sehen, unsere Sinne
verschwimmen, weichgezeichnete
Blicke aus Buchseiten, deren Bedeutungen
pendeln im Rhythmus der Rezeptoren
eingetragen in

den Seiten der Zeit, bist du Grünling
und Greis, Staub eines Buch-
rückens, der von Regalen rieselt
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Sommer  
15.8.22, 08:45
Geposted von Kerstin Seidel

SOMMER



Die Sonne,
ein durch die Zweige ziehender,
berückender, heller Ton,
ein weißgewaschener Morgen,
gleißendes Wolkenglimmen,
die Häuser noch still im Schatten
und wenn man den Atem anhält
ist der Himmel ein Lächeln in Licht,

Ich will mich lüften,
mein Blut spürt die Bewegung von Vögeln,
Stille, Worte wiegen nichts
auf, bemalte Blätter sind wir
am Baum stagnieren Fragen, Zeichen
streichen meine Finger über
rindenrauhe Haut und heilen
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ZUHAUSE 2: EIN ORT  
30.7.22, 08:46
Geposted von Kerstin Seidel

ZUHAUSE 2: EIN ORT



Jetzt wagen sich die Gespensterbäume
in die begrenzte Landschaft
lockend mit der Müdigkeit
von Menschen deren Atem voller
Abenteuerlust ist,
die Wiesen scheinen
wie seltsame Gewölbe
klingen in Moll, rufen nach
empfindsamen Sohlen jetzt
wäre selbst in der Stadt etwas wie
Stille möglich doch dunkel wird es
nie ganz und es ist immer ein Flattern
über dem Fluss die Wasser
murmeln Zaubersprüche in die leeren Straßen,
streuen kaltes Licht über die
Entladerampen, heben Türen
aus den Angeln, vergolden
die mächtigen Brückenpfeiler,
es ist ein trauriges Märchen
in diesem Licht ohne Möwenschreie,
ohne trügerisches Rot,
ohne Orange, alle Farben
verschwimmen im Grau der Dämmerung
als würden sie einander an den Fingern fassen,
um sich der Landschaft
zu bemächtigen, sie zu trösten,
diese Landschaft, die keine Landschaft mehr ist eher:
ein Ort
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ZUHAUSE 1: ABEND 
29.7.22, 20:39
Geposted von Kerstin Seidel

ZUHAUSE 1: ABEND



Birkenfeld unterm Schiefhorizont,
die Sonne steht im Gezweig, lilaleuchtend
halten Wurzeln die Verbindung zur Erde,
die aufwacht unter meinem Blick

Ich sehe die Bäume wandern gen Himmel,
safrangelbe Stammflechten gieren
nach frischem Gras,
Halme, stilettospitz, wuchern in die Kronen,
wo junge Sperlinge spielen

Mir schwindelt bei diesem
Wettrennen der Wipfel,
Himmelsstürmer,
bei diesem Duell der Vogelstimmen,
der Sommer wird von den Kröten besungen,
Kanon der Weichtiere,
die fest dem Wetter vertrauen

Wie Zahnstocher stehen Tannen
mit trauernden Zweigen,
aufgereihte Strommasten,
Stahl, meterhoch,
entflammt den Flug der Möwen,
ein Pfauenauge im Gehölz
ein rostrotes Origamigeschöpf,
entpuppt, bestäubt, vergoldet
der Tag hinter dem Haus
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FUND 
24.7.22, 17:04
Geposted von Kerstin Seidel

FUND



Ich habe einen Stein gefunden
klein und glatt wie ich,
wenn er nass ist
glitzert er in meiner Jackentasche
ist ein Loch, später gehe ich barfuß
meine Schuhe sind aus Stacheldraht
sie schleichen um mich und ich um sie,
ich kann nicht gehen,
ich schwimme über den See am Ufer
fand ich einen Stein, der war ganz
so wie ich klein, glatt und
still wie das Bild einer meiner Schatten
setzte sich zu mir und wir lauschten
dem Geräusch dieser Wolken
die, soweit ich sehen konnte
Schilder trugen auf denen
stand der Name der Sterne ihr Blick
machte mich unsterblich
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10.7.22, 08:08
Geposted von Kerstin Seidel

SOMMERTAGE



Auf den Ligustersträuchern,
zwei quirlige Spatzen,
zwitschernde Zaungäste
wie flatternde Blätter im Wind
auf den Straßen,
kurze Jeans, oder geblümte
Kleider dünn wie Spinnweben,
perlweiße Riemchensandalen
an braungebrannten Schneefüßen,
und kirschrote Zehen scharf
gebündelt ein Strahl aus der Sonne,
Himmelsleiter durch weite Fenster
strömt Hitze, Goldluft,
in schattigen Nuancen berühren
sich Leiber eine Weile wird Glut sein,
doch kein Himmel bleibt ewig blau
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Dichtung  
3.7.22, 17:24
Geposted von Kerstin Seidel

DICHTUNG



Schreib, Lieder auf die Echoten,
das Stimmengewirr, das Wüsten durchschrie,
du musst die Wurzeln
halten der klinischweißen Melancholie

Und der Birkentrauer,
die sich neigt jedem leergeküssten Mund,
dass aller Schmerz sich zeigt,
ist dein lebenswesentlicher Daseinsgrund

Dein Klang sei: Sumsenlärme,
darin die Bienen den Sommer hüten,
dein Vers gib auch , den in der Wärme
sich breitenden Blüten

Oder der Nacht, in der sich Herbstwehe zeigen,
in welcher der Tag in die Stille floh,
wenn die Buchenblätter fallen,
Nebel steigen,
dies Farbenspiel- du Rose aus Jericho
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2.7.22, 11:23
Geposted von Kerstin Seidel

HITZE



Wir wärmen uns in Gedanken
bewohnen den Sommer in der verlassenen Stadt vor den Glascontainern sammeln sich
grüne Schatten und Orangenschalen

Wir sind alle traurig mitten am Tag
steht die Zeit kopf und halsbrecherisch als ob jemand
hinter uns herläuft müde sind wir
wie zerbrochen mit dem Duft kalten
Rauches unter der Haut

Bis spät in die Nacht sitzen wir in der Kneipe und trinken uns wund
und suchen die Ordnung der Dinge
für jede Wunde ein Wort, für jeden
Versuch ein neues Glas zu viel
Angst uns in das Leben zu stürzen

Wir atmen Asphalt und in Hitze
sprechen wir von der Liebe
später trotzdem noch über Gott er lacht uns aus vielleicht
ein Signal uns ernst zu nehmen
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SOMMERMORGEN  
23.6.22, 06:18
Geposted von Kerstin Seidel

SOMMERMORGEN



Im Ausatmen den Himmel beatmen
mit herzentflammendem Rot,
ein paar Schritte zwischen Haus und Haus,
bevor die Sonne in die Straße fällt
öffne ich die Tür dem milchigen Morgen
malt mir Schatten
unter dem Blätterdach
brütet die Hitze den Tag aus
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18.6.22, 09:06
Geposted von Kerstin Seidel

STERN



Du fällst in mein Zimmer,
Sternschnuppenschwarm,
bist weit gereistes Geschenk
es ist der Morgen nicht,
nicht Abend, die Lebenszeit nicht,
es ist das Alles und mehr,
ohne es könnte ich nicht sein,
durchdring mich du,
das, vom Stern fällt,
mich liebt das Denken,
doch nicht, weil das Denken
mich liebt, bin ich
mein Leben lieb ich und
weil ich es liebe, leb ich, aber
weil es ein Mehr gibt als
meine Liebe zum Leben
flüstere ich:
Sternschnuppentag, jetziger,
meiner!
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